{"id":5568,"date":"2018-12-06T09:49:03","date_gmt":"2018-12-06T08:49:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.strasbourginstitute.org\/?p=5568"},"modified":"2021-11-18T10:06:26","modified_gmt":"2021-11-18T09:06:26","slug":"harding-meyer-1928-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ecumenical-institute.org\/en\/2018\/12\/06\/harding-meyer-1928-2018\/","title":{"rendered":"Harding Meyer (1928 &#8211; 2018)"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"font-size: medium;\"><a href=\"https:\/\/www.strasbourginstitute.org\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Harding-Meyer-1-a.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5668\" title=\"Harding-Meyer-1-a\" src=\"https:\/\/www.strasbourginstitute.org\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Harding-Meyer-1-a-234x300.jpg\" alt=\"\" width=\"234\" height=\"300\" \/><\/a>Ein Nachruf von Andr\u00e9 Birmel\u00e9<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Die weltweite \u00f6kumenische Bewegung verliert durch Harding Meyers Ableben am 1. Dezember dieses Jahres eine ihrer bedeutendsten Pers\u00f6nlichkeiten. Harding Meyer war ein Vordenker und ein Pionier. Viele neuere Entwicklungen \u00a0weltweiter zwischenkirchlicher Verh\u00e4ltnisse\u00a0 gehen auf ihn zur\u00fcck. Wir verdanken ihm vieles.<!--more--><\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich galt sein Interesse nicht der \u00d6kumene. Er kam 1958 als Dozent an die lutherische Fakult\u00e4t in San Leopoldo (Brasilien). Als gutem lutherischen Theologen ging es ihm um die Wahrheit. Noch vor dem Konzil kam es zu Gespr\u00e4chen mit der dortigen starken katholischen Kirche, und dabei wurde Harding Meyer deutlich, dass das Bem\u00fchen um Wahrheit nicht von der Frage nach der Einheit der Kirche getrennt werden kann. Als er dann 1966 einem Ruf als Sekret\u00e4r f\u00fcr \u00f6kumenische Fragen beim Lutherischen Weltbund in Genf folgte, konnte er dieser \u00dcberzeugung auf weltweiter Ebene entsprechen. Der erste internationale Dialog, an dem er teilnahm, war der internationale lutherisch-r\u00f6misch katholische Dialog, der 1967 begann. Er wird diesen Dialog \u00fcber 25 Jahre begleiten.<\/p>\n<p>1971 wechselte er in das Institut f\u00fcr \u00d6kumenische Forschung in Strasbourg. Der lutherische Weltbund hatte bei seiner Vollversammlung in Helsinki (1963) dieses Institut gegr\u00fcndet, um die weltweiten Dialoge der Lutheraner mit anderen Kirchen zu begleiten. Das Institut hatte am Anfang mancherlei Schwierigkeiten, und so oblag es Harding Meyer, ihm den n\u00f6tigen Schwung zu geben. Schwerpunkte waren sowohl die Durchf\u00fchrung der Dialoge wie auch ein intensives Bem\u00fchen um das lutherische Erbe, da ja nur ein Dialogpartner, der seiner eigenen Identit\u00e4t bewusst ist, einen Dialog f\u00fchren kann, der sich nicht mit Kompromissen zufrieden gibt, sondern stets zielbewusst die Einheit der weltweiten Kirche im Auge hat.<\/p>\n<p>Aufgrund seiner bereits gro\u00dfen Erfahrung tr\u00e4umte er von einem Institut, in dem lutherische Forscher aus den verschiedensten L\u00e4ndern dieser Welt in ihrer Verschiedenheit zusammen arbeiten. Dabei sollten diese Vertreter jeweils einen Dialog mit einer anderen christlichen Familie f\u00fchren und zugleich die Region, aus der sie kamen, nie aus den Augen verlieren. Dies war mit vielen Reisen, Vortr\u00e4gen und Lehrauftr\u00e4gen in den verschiedensten Kontinenten verbunden. Er verwirklichte diesen Traum und trug dazu bei, dass dieses Institut international Beachtung erfuhr und bis heute erf\u00e4hrt. Nationale Theologien und kirchliche Verwaltungen in den einzelnen L\u00e4ndern waren f\u00fcr ihn ein viel zu enger Rahmen. Er war darauf bedacht, dass nicht nur eine Weise, Kirche zu sein, im Institut zur Sprache kommt. Auch dies setzte er um, indem er im Institut eine alle zwei Jahre rotierende Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung einsetzte. So blieb dieses wichtige Instrument weltoffen, ohne zu einer b\u00fcrokratischen Verwaltungsstelle zu werden. Harding Meyer \u00fcbernahm regelm\u00e4\u00dfig die zweij\u00e4hrige Leitung, freute sich aber auch dar\u00fcber, wenn ein Kollege aus Eritrea, Indonesien, Finnland oder den USA ihn in diesem Dienst abl\u00f6ste. So setzte er im Institut eines seiner Grundanliegen um: Einheit in Verschiedenheit! Nicht nur im Dialog mit anderen Kirchen, sondern zun\u00e4chst innerhalb des Luthertums.<\/p>\n<p>Die vielf\u00e4ltigen T\u00e4tigkeiten Harding Meyers, seine zahlreichen Publikationen und die Impulse, die von ihm ausgingen, sind so weitreichend und zahlreich, dass sie nicht im Einzelnen erw\u00e4hnt werden k\u00f6nnen. Zwei davon, die eine besondere, ja epochale Bedeutung haben, sollen jedoch angesprochen werden.<\/p>\n<p>1. Der Dialog mit Rom<\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, war Harding Meyer von Anfang an am internationalen lutherisch-katholischen Dialog beteiligt. Er war der lutherische Experte. Bereits in seinem ersten Bericht (1972) stellte der Dialog einen weitreichenden Konsens im Heilsverst\u00e4ndnis fest. Dieser sollte nun im Verst\u00e4ndnis des Herrenmahls (1978) verifiziert werden. Dabei wurde wiederum festgestellt, dass ein Grundkonsens im Eucharistieverst\u00e4ndnis vorliegt und nur die Amtsfrage ein bleibendes Hindernis darstellt. So widmete sich der weitere Dialog der Amtsfrage. Dass hier noch unbew\u00e4ltigte Fragen vorliegen, wurde im Bericht von 1981 best\u00e4tigt. Harding Meyer war der \u00dcberzeugung, dass nun ein offizieller Schritt der h\u00f6chsten kirchlichen Instanzen n\u00f6tig sei, um diese Ergebnisse zu rezipieren. Sein erster Vorschlag mit dem Titel \u201eEinheit vor uns\u201c wurde jedoch abgelehnt. Daraufhin \u00fcbernahm er einen Vorschlag aus den USA, eine Erkl\u00e4rung auszuarbeiten, in der der Grundkonsens im Heilsverst\u00e4ndnis ausgesagt und die gegenseitigen Verurteilungen, die in diesem Bereich im 16. Jahrhundert erfolgt waren, f\u00fcr die jeweiligen Kirchen durch deren h\u00f6chste Instanzen offiziell aufgehoben werden sollten. Daraus ergab sich die GE (<em>Gemeinsame Erkl\u00e4rung zur Rechtfertigungslehre<\/em>), die 1999 vom Vatikan und den Kirchen des lutherischen Weltbundes unterschrieben wurde. Diese h\u00f6chst bedeutende Erkl\u00e4rung ist bis heute die einzige Erkl\u00e4rung, die Rom mit einer durch die Reformation gepr\u00e4gten Kirche unterschrieben hat. Harding Meyer hat die erste Fassung dieser Erkl\u00e4rung geschrieben. Er leitete damit einen Prozess ein. Dieser erste Entwurf wurde weitgehend \u00fcberarbeitet, und das Projekt wurde nach der Emeritierung von Harding Meyer durch andere, insbesondere seinen Strasbourger Nachfolger Theodor Dieter, weitergef\u00fchrt. Harding Meyer hat den Prozess jedoch stets, wenn auch nun mit einem gewissen Abstand, begleitet. Dabei spielten auch seine vielen pers\u00f6nlichen Beziehungen eine wichtige Rolle, z.B. sein gutes Verh\u00e4ltnis zu Kardinal Lehmann und nicht zuletzt zu Papst Johannes Paul II., von dem er in Privataudienzen empfangen wurde. Die <em>GE<\/em> ist ein bedeutendes Ergebnis der neueren \u00f6kumenischen Bem\u00fchungen. Sie geht weitgehend auf Vorarbeiten von Harding Meyer zur\u00fcck.<\/p>\n<p>2. Der zweite epochale Beitrag Harding Meyers, den es hier zu erw\u00e4hnen gilt, ist eher methodologischer Art. Wenn man einen Dialog f\u00fchrt, betritt man Neuland. Man muss, neben den Sachfragen, auch das Ziel bestimmen und die Wege, die dahin f\u00fchren. Auch hier geht vieles auf Harding Meyer zur\u00fcck. Er pr\u00e4gte insbesondere zwei Formulierungen, die heute weltweit gebraucht werden, ohne dass man sich immer ihres Autors bewusst ist.<a href=\"https:\/\/www.strasbourginstitute.org\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/mod_001_HardingMeyerAltar-a.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-5658\" title=\"mod_001_HardingMeyerAltar-a\" src=\"https:\/\/www.strasbourginstitute.org\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/mod_001_HardingMeyerAltar-a-205x300.jpg\" alt=\"\" width=\"205\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die erste Formulierung betrifft das Einheitsmodell. Harding Meyer pl\u00e4dierte f\u00fcr eine \u201eEinheit in vers\u00f6hnter Verschiedenheit\u201c. Die Einheit als Uniformit\u00e4t zu verstehen war ihm total fremd. Die Verschiedenheit ist wesentlich auch f\u00fcr das kirchliche Leben. Das Problem liegt im trennenden Charakter der Verschiedenheit. Diesen gilt es zu \u00fcberwinden. Das ist das Ziel des Dialogs. Der Dialog hat dann sein Ziel erreicht, wenn die Verschiedenheiten vers\u00f6hnt sind, d.h. als legitimer Ausdruck des gleichen Evangeliums angesehen werden. Beispiel daf\u00fcr sind die vier Evangelien in der Heiligen Schrift. Sie sind verschieden, setzen andere Akzente und stimmen doch in der Grundaussage \u00fcberein. Dies sollte, so Harding Meyer, der Weg sein, auf welchem sich die gro\u00dfen christlichen Familien vers\u00f6hnen, ohne dabei ihre geschichtlich gewachsene Identit\u00e4t aufzugeben. Diese Vision war nicht die des \u00d6kumenischen Rates der Kirchen, und es kam zu manch schwierigen Gespr\u00e4chen im Strasbourger Institut, insbesondere mit Lukas Vischer, dem Leiter von <em>Glaube und Kirchenverfassung<\/em> im <em>\u00d6RK<\/em>. Der Ansatz von Harding Meyer hat sich letztlich durchgesetzt, wie es nicht nur die <em>GE, <\/em>sondern viele andere \u00f6kumenische Entwicklungen belegen.<\/p>\n<p>Die zweite Formulierung, die auf Harding Meyer zur\u00fcckgeht und dann weltweit \u00fcbernommen wurde, ist der \u201edifferenzierte Konsens\u201c. Er h\u00e4ngt eng mit der \u201eEinheit in vers\u00f6hnter Verschiedenheit\u201c zusammen. Wenn Einheit keine Uniformit\u00e4t ist, dann muss auch der Konsens, der solch eine Einheit herbeif\u00fchrt, zu dieser Einheit passen und darf ihr nicht widersprechen. Daher muss der Konsens die bleibenden legitimen Unterschiede nicht nur im Stillen dulden, sondern er muss sie ausdr\u00fccklich als vers\u00f6hnte und nicht trennende Verschiedenheiten benennen und umschlie\u00dfen. In diesem Sinne muss der Konsens in sich selbst differenziert sein. Auch hier ist das beste Beispiel die <em>GE<\/em>. Sie macht deutlich, dass es einen Konsens in der Rechtfertigungslehre gibt und dass die gleiche Grundwahrheit durch die verschiedenen Partner auf verschiedene Weisen ausgesagt wird. Da der Ausdruck\u00a0 \u201edifferenzierter Konsens\u201c an verschiedenen Orten falsch ausgelegt wird in dem Sinne, dass der Konsens als mehr oder weniger voll bewertet wird, ziehen wir es heute vor, von einem \u201edifferenzierenden Konsens\u201c\u00a0 zu sprechen. Auf diese Weise kommt noch besser zum Ausdruck, was Harding Meyer meinte und was heute viele zwischenkirchliche Dialoge bestimmt.<\/p>\n<p>Interessant ist die Tatsache, dass auch die Zivilgesellschaft sich diesen Ausdruck angeeignet hat. Der ehemalige Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Kommission Jacques Delors besuchte Harding Meyer im Strasbourger Institut und wollte diesen Ansatz verstehen. Die Redeweise ist heute nicht nur in Strasbourg, sondern auch in Br\u00fcssel angekommen.<\/p>\n<p>Fest im christlichen Glauben verwurzelt und in der Treue zum lutherischen Erbe hat sich Harding Meyer stets f\u00fcr die Einheit der Kirche eingesetzt. Es ging ihm aber wie Mose auf dem Berg Nebo. Er hat aus der Ferne das gelobte Land der Einheit gesehen, aber noch nicht betreten d\u00fcrfen. Er konnte aber vieles umsetzen und uns allen wichtige Orientierungen geben. Als seine Kollegen und Nachfolger f\u00fchlen wir uns seinen Ans\u00e4tzen verpflichtet und sind bestrebt, den Weg weiterzugehen, den er er\u00f6ffnet hat.<\/p>\n<p>Harding Meyer verstarb in der Nacht zum Ersten Advent. Ein Licht geht auf, wir sind auf dem Weg, dem Herrn entgegen. Harding Meyer ist bereits angekommen. Er sieht nun in F\u00fclle, was wir nur ansatzweise sehen in k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Danke, Harding!<\/p>\n<p>Zum Herunterladen:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.strasbourginstitute.org\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Kurzbiographie-Harding-Meyer.pdf\">Kurzbiographie Harding Meyer<\/a><\/p>\n<p>Foto: D. zur Nedden<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Nachruf von Andr\u00e9 Birmel\u00e9 Die weltweite \u00f6kumenische Bewegung verliert durch Harding Meyers Ableben am 1. Dezember dieses Jahres eine ihrer bedeutendsten Pers\u00f6nlichkeiten. Harding Meyer war ein Vordenker und ein Pionier. 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