Studying Luther in Wittenberg 2019

Im November hielt Prof. Dr. Theodor Dieter vom Institut in Strasbourg zusammen mit Prof. Dr. Sarah Hinlicky Wilson, Visiting Professor am Institut und zurzeit in Tokio tätig, zum elften Mal das Seminar „Studying Luther in Wittenberg“. Somit beginnen die beiden ein zweites Jahrzehnt gemeinsamen Unterrichts in diesem Seminar.

Wie üblich kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der ganzen Welt. Zweiundzwanzig Pastorinnen und Pastoren, Theologinnen und Theologen, Doktorandinnen und Doktoranden und ein Bischof kamen aus Australien, Brasilien, Kanada, Ghana, Guyana, Island, Indien, Indonesien, Finnland, Deutschland, Malaysia, Mexiko, Norwegen, Singapur, der Slowakei, Südafrika, Tansania, Thailand und den Vereinigten Staaten nach Wittenberg. Zum ersten Mal waren Personen aus Island, Norwegen und Thailand dabei!

Das besondere Thema in diesem Jahr war „weltliche Obrigkeit“. Luther benutzte diesen Ausdruck zur Behandlung von politischen und staatlichen Angelegenheiten. Die Wahl des Themas, das bereits im Jahr 2014 bearbeitet worden war, spiegelte den einzigartigen Zeitpunkt des Seminars wider: Es fiel mit dem 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer zusammen. Deshalb begab sich das Seminar am 9. November nach Berlin, um unter anderen Dingen auch die Reste der Mauer zu besichtigen.

Nachdem in der ersten Woche die Grundlagen von Luthers Theologie mit einem Überblick über die frühe Reformationsgeschichte, Buße und Umkehr, die Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium, Rechtfertigung durch Glauben und die Sakramente behandelt wurden, galt die zweite Woche den Schriften Luthers „Von weltlicher Obrigkeit“, „Ob Soldaten in ihrem Beruf Gott gefallen können“ und „Vom Krieg gegen die Türken“ zu.

In Anbetracht der enormen historischen Veränderungen seit der Zeit Luthers – wie z.B. dem Aufkommen von Kernwaffen und moderner Überwachungssysteme und der Entwicklung politischer Theorien von liberaler Demokratie bis hin zum Totalitarismus – behandelte das Seminar auch Fragen eines gegenwärtigen theologischen Verständnisses des Politischen. Darin eingeschlossen war eine Reflexion über moderne Lutheraner, die gerade diese Fragen angesprochen haben. Zwei Beispiele dafür waren eine eindrucksvolle Ansprache des norwegischen Bischofs Eiwind Berggrav zum rechten Verständnis der lutherischen Lehre von der „Obrigkeit“ (1941: „Wenn der Kutscher trunken ist“)  – Berggrav war während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis unter Hausarrest gestellt worden –, und das Bagamoyo Statement aus den 1990er Jahren, mit dem die Bischöfe der Evangelisch-lutherischen Kirche in Tansania die Korruption der Regierung detailliert beschrieben und scharf kritisiert haben.

Das Seminar diskutierte Berichte von Teilnehmerinnen und Teilnehmern über manchmal sehr schwierige Lebensbedingungen ihrer Kirchen in Ländern wie Indonesien oder Indien, die vom Islam oder Hinduismus dominiert werden. Außerdem wurde eine Einführung gegeben in die moderne Staatstheorie mit Begriffen wie Souveränität, Legitimität, Gewaltenteilung, Menschenrechte, Grundrechte, Verfassung. Der Unterschied zwischen der Sicht der Reformationszeit, dass die Staatsordnung von Gott gegeben sei, und der modernen Sicht, dass sie von Menschen ausgehe und somit besonders der Rechtfertigung bedürfe, wurde ausführlich behandelt.

Wie immer war die Gruppe der Teilnehmenden lebhaft und engagiert. Sie brachte ein breites Spektrum an Fragen und Einsichten aus den sehr vielfältigen politischen Situationen mit, die von moderner Säkularisierung bis zu staatlicher Verfolgung von Christen reicht. Die grundlegenden theologischen Reflexionen von Texten wie „Die Freiheit eines Christenmenschen“ und dem Großen Katechismus wurden außerdem gut ergänzt durch tägliche Morgenandachten in der Fronleichnamskapelle, einem Sonntagsgottesdienst in der Stadtkirche, einem Besuch bei Kirchengemeinden vor Ort während der Woche und einem festlichen Abschlussgottesdienst mit Abendmahl. Zu diesen Highlights kamen Besuche von Vertretern des LWB, der ELCA, lokalen Verantwortlichen sowie die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern selbst zubereiteten Mahlzeiten.

Auch dieses Mal danken wir der Direktorin des LWB-Zentrums, Frau Pastorin Inken Wöhlbrand, für ihre freundliche Kooperation und Organisation, sowie Pfarrer Joachim Zirkler, von dem wir uns herzlich verabschiedeten, da er im nächsten Jahr in den Ruhestand tritt. Wir freuen uns auch über die stets freundliche Präsenz von Annette Glaubig und dem Team des Colleg Wittenberg.

Theodor Dieter und Sarah Wilson werden auch 2020 wieder das Seminar im November leiten. Thema wird sein: „Schöpfung, Sex und Heiligung: Lesungen aus Luthers Genesiskommentar“. Es handelt sich um eine Reihe von eher unbekannten, aber sehr reichen Vorlesungen aus den letzten zehn Lebensjahren des Reformators. Für weitere Informationen siehe: http://www.lwb-zentrum-wittenberg.de/fuer-pastorinnen-pastoren.html

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